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Das Märchen vom weglosen Engel und der ratlosen Märchenerzählerin

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Das Mondlicht scheint silbrig auf die schneebedeckte Wiese. Im weichen Schnee sind kleine, zarte Fußabdrücke zu erkennen. Ein paar Schritte weiter vorn stampft eiligst ein kleiner Engel durch den hohen Schnee. Die zarten, kleinen Engelsfüße fliegen fast über den Schnee, so eilig hat er es. Aber sagt – wieso läuft hier ein Engel herum? Wo will er hin? Und warum, um Gottes Willen, fliegt er nicht, wenn er es schon so eilig hat?

Nun – fragen wir ihn selbst! „Hallo Engel!“ Doch das Engelchen läuft weiter. „Hey, hallo Engel! Warte mal, nicht so schnell!“ Doch der Engel läuft nur noch schneller über die weiße Schneedecke.
„Halt!!!!“ – nun endlich, wird er langsamer und blickt sich um. „Wer will denn etwas von mir? Oh, bitte, macht schnell, denn ich habe es furchtbar eilig!“

Dann sieht er mich und schaut mir genau in die Augen. „Oh, Du! Märchenerzählerin! Warum hältst du mich auf? Du weißt doch am besten, wie eilig ich es habe, dorthin zu gelangen!“ „Ach, Engelchen“ sage ich leise zu ihm, „Wenn ich doch nur wüsste, wohin du gerade läufst! Dann könnte ich diese Geschichte zu Ende schreiben und alle Leserinnen und Leser könnten sie endlich zu lesen bekommen. Aber Engelchen, nein, ich weiß, nicht wohin du so schnell läufst!“ Da bleibt der Engel mit einem Ruck stehen: „Wie du weißt nicht, wohin ich laufe?“ Erstaunen und Furcht stand in dem kleinen sonst so fröhlichen Gesicht. „Aber wenn du es nicht weißt, wie soll ich dann…?“ Jetzt hockt er sich in den kalten Schnee, zieht seine bloßen Füssen unter sein weißes Engelsgewand und verbirgt sein hübsches Gesichtchen in den Händen „… wenn du es nicht weißt, ja, wie, sag’ mir, wie soll, ich da noch rechtzeitig ankommen?!“

Nun war es an mir ratlos zu sein. Das stelle sich die Leserin und der Leser bitte einmal vor: da sitzt die Märchenerzählerin so nichtsahnend vor einem weißen Blatt Papier. Darauf wartend, dass das Märchen endlich losgeht und etwas passiert und dann… dann soll sie auch noch wissen, wohin es gehen soll! Und das so kurz vor der Adventszeit,
wo es doch so besinnlich und ruhig sein soll in unserer hektischen, stürmischen und konsumreichen Gesellschaft. „Hey, Engel, das macht mir jetzt Stress“, denke ich. Aber der Kleine sieht so ratlos und traurig zu mir hoch, dass ich nur schützend meine Hand nach ihm ausstrecken kann.

Bald schon sitzt er auf meiner Handfläche. Haben Sie schon mal einen Engel auf der Hand sitzen gehabt? Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist?

Es ist als würde sich die ganze Welt nur um diese eine Handfläche drehen, nur um diese eine kleine Stelle, die so warm wird wie ein bullernder Ofen. Kleine Sternstaubkrümel wirbeln um den kleinen Engel und kriechen meine Hand, mein Handgelenk und meinen Arm hoch. Es ist, als würde auch ich schimmern und glänzen wie ein Stern. Und die Wärme kuschelt sich meinen Arm hoch, krabbelt mir in die Nacken und rutscht etwas tiefer. Zielsicher trifft sie mich in meinem Herzen. Und in meinen Gedanken formen sich die Worte: „Wer weist hier wem den Weg?“

Ich halte meine Hand höher, so hoch, dass der Engel mir in die Augen schauen kann. Mit seiner leisen Stimme klingen die Worte zu mir herüber, als würden die kleinen silbernen Glöckchen an diesen Pferdeschlitten, die zu einer romantische Winterwunderwelt gehören, vorbei huschen.

„Kann es sein, dass ich schon angekommen bin?“ fragt er. Mir wird noch wärmer in meinem Herzen. Worte sind jetzt überflüssig. Wir wissen beide die Antwort.

Nach einem langen Augenblick des Erkennens, der Wärme und des Lichtes, fasse ich doch noch mal den Stift: „Sag Engel, warum bist du eigentlich durch den Schnee gelaufen? Du hättest doch fliegen können!“

„Tja, meine liebe Märchenerzählerin, du hast leider vergessen mir Flügel zu geben.“ sage er leise und lacht.

Dann springt er auf, hüpft von meiner Handfläche in die Leere, breitet seine weißen, fedrigen Engelsflügelchen aus und fliegt davon. Zu einem anderen Menschen. Zu einem anderen Herzen. Um es zu wärmen und das Licht der Adventszeit hineinscheinen zu lassen. Und vielleicht steht er gerade in diesem Moment genau vor Ihnen und schaut Sie mit seinen sternenklaren Augen an.

Umbruch-grafik weiß

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Dieses Märchen stammt aus der Feder von Sabine Meyer – raum-und-weg.de


Nur eine kleine Weile

Ich habe eine liebe Kollegin bei einer Weiterbildung kennen gelernt und neben ihrer Tätigkeit als Feng Shui Beraterin ist sie auch Märchenerzählerin.

Grafik Sonne

Sabine Meyer
raum und weg

Praxis für klassisches Feng Shui und Lebenswegbegleitung

Dieses Märchen aus der Feder von Sabine Meyer möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Es war einmal… eine kleine Weile. Die war noch sehr jung und unerfahren. Und sie war viel zu klein, um sich gegen die Jahrhunderte und Jahrtausende durchzusetzen, wenn diese wieder an ihr rum mänkeln wollten, dass sie ja noch nicht lange auf der Welt war und nichts geleistet hatte.

Von allen Seiten hörten sie nur: du musst noch wachsen, bevor du mitreden darfst. Du musst erst noch groß werden und Geschichte schreiben, damit wir dich ernst nehmen. Du bist so klein und bedeutest nichts. Die kleine Weile wollte ja wachsen und groß werden. Aber sie wusste nur nicht wie. Vor allem da ihr die alte Zeit erzählte, dass, wenn sie nicht aufpasst sind nur lang und nicht groß werden würde. Und eine Langeweile, nein, dass wollte die kleine Weile ja nun wirklich nicht sein.

Und so saß sie jeden Tages tief in sich versunken auf einem Mäuerchen im warmen Sommersonnenschein und dachte nach. Denn sie dachte, mit Nachdenken würde sie schon ergründen, was sie tun musste um bedeutsam zu werden. Als sie plötzlich vorsichtig und sacht angestupst wurde. Unwillig öffnete sie ihre Augen. Sie sah nichts. Da stupste es noch mal. „Was soll das?“ rief sie aufgebracht. Noch ein Stupser und dann schaute die kleine Weile endlich nach unten und sah ein kleines Samenkorn, weich, zart und samtgrün, auf dem Mäuerchen neben ihr sitzen. „Heda, lass das sein! Du störst mich im Bedeutsamsein! Ich kann nicht denken, wenn du mich ständig anstupst.“

„Ach, liebe, kleine Weile, bitte helfe mir!“ rief da das Samenkorn von unten herauf. „Das dauert bestimmt eine lange Weile, dir zu helfen. Nein, dafür habe ich keine Zeit!“ erwiderte die kleine Weile und schloss wieder die Augen, um zu ergründen, was sie ist und was sie werden will.

Abermals stupste der Samen sie an. „Bitte kleine Weile! Es dauert bestimmt nicht lang!“ flehte das Körnchen um Hilfe. „Da du nun überhaupt keine Ruhe geben willst, so sage denn dein Sprüchlein auf und was ich tun muss, damit du endlich still bist!“ brummte die kleine Weile. „Ach, pflanze mich! Bitte pflanze mich! Hier kann ich nicht wachsen auf dem Mäuerchen. Ein starker Wind und schon bläst es mich fort!“ „Pflanzen soll ich dich? Nun gut, dass scheint wirklich nicht lange zu dauern!“ sagte die kleine Weile und nahm das kleine Samenkorn in ihre Hand, sprang das Mäuerchen runter und trug es in eine Ecke des Gartens, in der viele blühende Pflanzen standen. Aber als die kleine Weile den Samen einpflanzen wollte, rief dieser: „Nein, nicht hier! Hier sind zu viele andere!“

Da ging die kleine Weile weiter und suchte eine andere Ecke im Garten. In der schattigen Ecke stand keine Pflanze und kein Baum. Doch auch diesmal rief der Samen, als die kleine Weile es einpflanzen wollte „Nein, nicht hier! Hier scheint ja keine Sonne!“ „Du bist ganz schön anstrengend!“ murrte die kleine Weile und suchte schließlich eine Ecke im Garten mit dem schönsten Sonnenschein und wo noch gar nichts wuchs. Dort pflanzte sie das Samenkorn in die dunkle, feuchte Erde. Dann stand sie auf und wollte gehen. „Ach, bitte kleine Weile!“ rief der Samen „bitte gib’ mir noch etwas zu trinken, denn in der Sonne ist es so warm!“ Da holte die kleine Weile eine Gießkanne mit frischem, klaren Wasser aus dem Brunnen und goss das Wasser über den Samen aus. Im selben Moment wuchs aus dem Samen ein kleines Blättchen heran, grün und schön war es. Und es wuchsen mehr und mehr. Sie wurden größer und größer und reichten der kleinen Weile schon bis ans Knie.

„Ei, was ist denn das?“ rief die kleine Weile „Ich wachse!“ sagte die Pflanze. „Weil du mich in guter Erde in der Sonne gepflanzt und mich mit Wasser begossen hast, kann ich endlich wachsen, groß und stark werden!“ „Wächst du immer, wenn du Wasser bekommst?“ „Ja, manchmal ein bedeutsames Stück, manchmal nur ein so kleines Stück, dass du es vielleicht nicht erkennen kannst!“ „Dann werde ich jetzt jeden Tag kommen, dir Wasser geben und dir beim Wachsen zu schauen! Vielleicht lerne ich so, wie ich wachsen und bedeutsam sein kann.“

Und so kam die kleine Weile jeden Tag zu der Pflanze, gab ihr Wasser, lockerte das Erdreich um sie herum und sprach mit ihr. Und die Pflanze wuchs und wuchs. Sie wuchs immer höher und höher. Und bald war sie ein großer, prächtiger Baum. Aber die kleine Weile, blieb das was sie war, eine kleine Weile. Das machte sie traurig und oft fragte sie den Baum: „Sag’ mir lieber Baum, warum wachse ich denn nicht?“ „Ach, kleine Weile, habe Geduld!“

Und so verging die Zeit. Und eines Tages kam die kleine Weile zu ihrem Baum und sah ihn schon von Weitem leuchten. Wie in einem hellen Licht überstrahlte er den ganzen Garten. Unzählige kleine weißen Blüten trugen die mächtigen Zweige des Baumes und hüllte ihn wie ein weiches Teppich ein.

Als die kleine Weile näher trat, sprach der Baum zu ihr: „Endlich kommst du meine liebe, kleine Weile! Denn heute ist der Tag!“ „Was für ein Tag ist heute, lieber Baum?“ fragte die kleine Weile. „Heute sollst du erfahren, warum du bedeutsam bist!“ Und als er das sprach, fielen die weißen Blüten von den Zweigen wie sanfter Sommerregen. Und sie tanzten um die kleine Weile herum.

Da sprach der Baum:

„Klein war der Samen
Und hatte noch keinen Namen.
Da sah er eine kleine Weile
Und rief: eile , eile.
Setz mich in die Erde
Damit ich was werde.
Will wachsen der Sonne entgegen
In ein neues freies Leben.
Will streuen meine Blüten fein,
denn die Liebe, die Liebe werd ich sein.“

„Du bist die Liebe!“ rief da die kleine Weile. „Ja, meine liebe, kleine Weile! Und nun werden all meine Blüten ausziehen, um die kleinen Weilen der Welt zu suchen, damit sie neue Liebe säen und behüten, so wie du es mit mir gemacht hast. Denn nur durch euch, ihr kleinen Weilen in der Welt, nur durch euch, kann die Liebe leben!“

„Nun werden wir ausziehen, neue Liebe und neue Zeiten zu säen!“ riefen die Blüten zusammen und stoben in alle Himmelsrichtungen davon. Wie kleine weiße Wolken zogen sie in den blauen strahlenden Himmel. Und von Weile zu Weile, gab eine der Blüten ihren Samen frei. Und er fiel auf die Erde, landete hier oder dort, bei einer Frau, bei einem Mann, bei einem Paar oder bei einem Kind. So mancher Samen wurde zertreten, übersehen, fortgeworfen und verachtet. Aber viele, ganz viele wurden zärtlich in die Hand genommen, eine kleine Weile begutachtet und eine kleine Weile sorgsam gepflanzt und eine kleine Weile jeden Tag mit frischem Wasser gegossen. Sie wuchsen heran zu neuen Bäumen und sie streuten neue Blüten über die Welt.

Die kleine Weile und der Baum aber gingen zeit ihres Lebens nicht mehr auseinander. Und so kann jeder liebt, den Baum finden, und vielleicht sieht er auch gerade, die kleine Weile gemütlich am Stamm des starken Baumes lehnen und reden und lachen und lieben.


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