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Städtebau und sozialer Friede

Mir geht das Gespräch mit meiner Tante Hilde nicht mehr aus dem Kopf. Gesellschaftlicher Wandel und das Aussterben der Dörfer. Zusammen mit den aktuellen Unruhen in Frankreich ergibt das für mich ein ganz klares Signal: Auch wenn meine Profs damals etwas anderes behauptet haben, mit städtebaulicher Gestaltung alleine lassen sich soziale Probleme nicht lösen. Das Pulverfass ist nicht mehr nur auf die Plattenbauten beschränkt. Allerorten entstehen Ghettos. Die Zukunft der Arbeitswelt sieht düster aus, die Arbeitslosigkeit wird sich so einfach nicht bekämpfen lassen. Da entsteht Sprengstoff. Ich brauche mir da keine großen Hoffnungen machen, jemals mit Ästhetik einen Blumentopf zu verdienen zu wollen. Ganz schlechtes Produkt. Braucht kein Mensch. Wie habe ich heute in der Zeitung gelesen? “Unser Produkt heißt sozialer Frieden. Wenn es an ihm mangelt, kann man alles andere vergessen” (Barbara Stolterfoht auf der Fachmesse “Consozial” in Nürnberg)
Für meine berufliche Zukunft heisst das konkret: Es sind sowieso keine Gelder mehr für die Städtebauförderung da, da können es sich immer weniger Städte und Gemeinden leisten, eine optisch-ästhetische Sanierung des Ortsbildes durchzuführen. Und so schön ein gelungenes Stadtbild auch ist und so sehr es vielleicht auch ein “weicher Standortfaktor” ist – die Zukunft sieht für die Städtebauer auch düster aus. Ich werde mich wohl anderweitig orientieren müssen, wenn dereinst die Elternzeit endet.


November Melancholie

Bernd und ich haben heute vormittag eine “Möbelbesichtigungs-Tour” gemacht. Mein Onkel hat einen Couchtisch zu verschenken, rustikal, mit braunen Fliesen *grusel* und die Cousine meiner Mutter hat ein altes Buffet übrig, mindestens genauso gruselig, dunkelbraun, teilweise Wurzelholzfurnier, aber niedrig, klein und so seltsam gebogene und gewellte Türen…Die Möbel waren nix, aber viel wichtiger und interessanter waren die Gespräche mit meiner Tante und mit Hilde, der Cousine.

Die Zeit flieht, beide altern, sind noch rüstig, noch in den besten Jahren, aber dennoch graue Haare, Altersflecken auf der Haut und Falten – nicht dass mich das stören würde, es erinnert mich nur an meine eigene Vergänglichkeit, meine ersten Erinnerungen an beide sind halt doch mittlerweile 20 und mehr Jahre her und da waren beide auch noch viel jünger.

Banal, diese Erkenntnis. Hilde hat viel über den Wandel im Dorf erzählt. Das “verfluchte” Eigenheim. Zu groß, zu schwierig zu unterhalten, zu viele Reparaturen. Als junges Ehepaar mit Kindern – ideal. Euphorie war das damals. Jetzt steht die Einliegerwohnung ihrer Mutter leer. Unvermietbar in einem Dorf ohne Laden, ohne Verkehrsanbindung, ohne Arbeitsplätze. Und das Aussterben der Häuser wird weitergehen. Auch das Elternhaus meiner Mutter wird – wenn meine Tante dereinst nicht mehr ist und es bwohnt (was hoffentlich noch mindestens 30 Jahre dauern möge!!) – einfach leerstehen, wie so viele Bauernhöfe in solchen kleinen Dörfern. Leerstehen und verfallen.

Zum Abschluß der Tour waren wir in einem Möbelhaus des Nachbarortes. Kleiner Familienbetrieb. Geschäftsaufabe aus Altersgründen. Morgen wird der Rest versteigert. Wir haben uns alles mal angesehen. Schöne Sachen waren noch dabei, hochwertige Qualität, die richtig schönen Dinge bereits alle verkauft. Nicht weiter schlimm, was mich jedoch sehr berührt hat, ist die liebevolle Ausstattung des Möbelhauses – richtig mit Seele. Alles dahin. Familienbetrieb seit 1819. Soviele liebevolle Details, seien es die Wandmalereien in den ehemaligen Zimmernischen, seien es die integrierten alten Türen und geschnitzten Pfeiler, die ein wirklich tolles Ambiente verbreitet haben. Aus. Vorbei.
Da kann man – bei passend nebligem Novemberwetter schon sehr melancholisch werden.


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