Punkt 11 von 41
Ich habe einen weiteren Punkt von der Liste verwirklicht: Punkt 11 – die H-Moll-Messe mitsingen.
Die Chancen, das Stück singen zu können, waren bei der Erstellung meiner Liste letztes Jahr absehbar, es war für das Frühjahr 2011 bereits festgelegt und höchstens irgendwelche widrigen oder grippigen Umstände hätten mich letztlich davon abhalten können…
Der Wunsch, die H-Moll-Messe selbst zu singen wurzelt jedoch in früheren Erlebnissen:
- … z.B. ein Konzertbesuch vor vielen Jahren in der Nördlinger St. Georgskirche, bei der mein jetziger Schwager bereits dieses Werk mitgesungen hat.
- …oder in einem Fernsehfilm aus den Achtziger Jahren über das Leben Johann Sebastian Bachs, bei dem auf geniale Weise das traurige Ende des Films mit dem für mich beeindruckendsten Stück aus der Hohen Messe (wie das Werk auch genannt wird) verknüpft wird… das muss man aber gesehen haben, um dieses Gänsehautgefühl nachvollziehen können.
Was für ein gigantisches Werk es aber letztlich war und wie nachhaltig es mein vergangenes Jahr geprägt hat und welche Bedeutung das Singen für mich hat, das ist mir alles erst so richtig in diesen Tagen bewußt geworden.
Anhand einiger Skizzen aus meinem Moleskine möchte ich einen Rückblick auf dieses Projekt wagen.
Vor genau einem Jahr haben wir die Probenarbeit begonnen, mit dem Schlußstück der H-Moll-Messe, dem Dona nobis pacem.
Immer noch das Dona nobis pacem, alternativ auch das Gratias agimus tibi – beide Stücke haben die gleiche Melodie und unterscheiden sich nur im Text. Das muss man wissen, damit man diesen Gag ein bisschen verstehen kann:
Es ist bereits der 6. Juni 2010! – ich unterhalte mich nach der Probe mit einer Mitsängerin und wir spekulieren, ob wohl die H-Moll-Messe nur Stücke mit dieser einen Melodie enthält… bis zu diesem Zeitpunkt haben wir nur das Dona nobis pacem geprobt (und natürlich den Zweittext).
… ich bin sowas von erleichtert, denn ein ganz doofes und bedrückendes Kloßgefühl im Hals hat sich als lästige aber letztlich doch eher harmlose Rhinitis entpuppt – das kann den Kehlkopf ganz schön verschleimen… und das stört beim Singen.
Eine längere Pause in der H-Moll-Messe-Probenarbeit liegt hinter uns, denn wir mussten ja parallel noch das Winterkonzert des vergangenen Jahres vorbereiten: Die letzten Dinge – von Louis Spohr. Doch nun ist das Konzert vorbei und Johann Sebastian Bach steht wieder im Mittelpunkt. Doof nur, dass ausgerechnet im nebligen November und rund um den Totensonntag dieses elend traurige Crucifixus auf dem Plan steht…
Es gibt aber auch das totale Gegenteil zum Gefühlsabsturz… die Proben verlaufen in diesen Wochen in sehr zäher Einzelstimmenarbeit, aber selbst dabei gibt es unglaublich lustige Erlebnisse: Nicht in jedem Probenraum sind Klavier oder sogar Flügel verfügbar – manchmal muss man sich eben mit einem Keyboard behelfen… und was ganz tierisch gut kommt: wenn die Probenleiterin versehentlich den Beat und Rhythmus zum Kyrie mit dem Ellbogen einschaltet und so auf die Schnelle nicht mehr ausschalten kann – was haben wir Tränen gelacht!! wumm-wumma-wumm-wumma-wumm….
… das Dona nobis pacem kommt im Gottesdienst zu seiner Erstaufführung. Mittlerweile läuft das Stück ja auch total stabil.
Mit Entsetzen registriere ich, dass meine Stimmgruppe (Sopran II) bereits im ersten Takt des Konzertes die einmalige Chance hat, das Solo “an die Wand zu lehnen” bzw. umzuschmeißen (was wir natürlich nicht gemacht haben!!)
Unzählige Herausforderungen für Sänger und Sängerinnen: Aussprache, Deutlichkeit, Gleichzeitigkeit von Silben und einzelnen Buchstaben. Wir stecken mittendrin im Getümmel und das ganze Ding hat 240 Seiten!
Der Plakatentwurf ist fertig und abgesegnet. Warten auf die Zusagen der Sponsoren, damit deren Logos mit aufs Plakat montiert werden können…Um diese Zeit herum beginnen wir mit den Zusatzproben an den verbleibenden Samstagen…
Es kriselt im Sopran II – auch solche Gefühlslagen sind vorhanden. Alle sind nervös, das Chorwochenende steht unmittelbar bevor, es scheint noch soviel zu fehlen, so wenig wirklich zu klappen.
Chorwochenende. Freitag von 20 Uhr bis 21.30 Uhr, Samstag 9:00 bis 12:00 und 14:00 bis 18:00 Uhr, Sonntag von 14.30 bis 17:00 Uhr. Alles was danach kommt ist nur noch mageres Krächzen… darüberhinaus ist es soweit: ich träume bereits von den Chorproben!
Letzte vollständige Durchlaufprobe, alles was jetzt noch kommt ist in der Kirche: Haupt- und Generalprobe, Konzert
Die Stimmung ist gut. Der Chor ist wunderbar vorbereitet. Ja, klar, bei diesem Stück ist man nie so ganz fertig mit der Probenarbeit, auch nach zwanzig Jahren nicht, aber unser Chorleiter hat eine so wunderbar entspannte Einstellung, seine Ruhe hat sich wirklich auf uns übertragen.
10. April 2011 – Der große Tag.
Ein Jahr haben wir darauf hingearbeitet, dem Stück entgegengefiebert, geackert, gelacht, geschuftet, manchmal geflucht, oft geächzt.
Es ist ein großartiges Werk.
Es ist unbeschreiblich, das Gefühl, vorne auf dem Podium zu stehen, in die vollbesetzte Kirche zu schauen und mit *Kyrie* anzufangen.
Es ist unbeschreiblich, in einer Wolke von Klang im *Sanctus* davongetragen zu werden…
Es ist unbeschreiblich, das *Crucifixus* zu singen, die Hammerschläge ans Kreuz aus dem Orchester geliefert zu bekommen, buchstäblich und bildhaft zu hören.
Es ist unbeschreiblich, danach das sagenhafte *Et Ressurexit* zu singen…
Es ist unbeschreiblich, Teil einer solchen Musik zu sein. Das kann man nicht in Worte fassen und noch nicht einmal in Bilder…
Was bleibt? Heute ist der Alltag wieder eingekehrt, doch der Glanz dieser Musik bleibt, ganz tief drin im Herzen.
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edit: 8 down, 33 to go















Wow! Was für ein schöner Rückblick auf ein Jahr voller Höhen und weniger Tiefen. Echt schön, dass Du uns daran so teilhaben lässt. Wie immer habe ich Deine Zeichnungen bewundert. Ich wünsche Dir, dass dieses gute “Schwebegefühl” noch eine Weile anhält bzw. Du es zurückrufen kannst mit der Erinnerung an den 10. April 2011.
Gänsehaut. Ich kann so gut nachempfinden, wie Du Dich gefühlt hast!
Danke Euch beiden! Ich schwebe immer noch – zumindest ein bisschen
Wunderschön.
Nicht nur die H- Moll Messe. Sondern auch die spannende grafische Begleitung.
Wirklich klasse.
Fehlt nur noch ein kleiner musikalischer Beitrag.
Das ist ein Premiumblogbeirag. ( Falls es diese Kategorie gibt) °v^
Hallo Sven!
Das mit dem musikalischen Beitrag ist eine nette Idee. Einen Mitschnitt gibt es, aber ich weiß nicht, ob ich etwas daraus ins Internet stellen darf, ich tippe mal auf *nein* Noch sind die Bänder im Tonstudio… und die CD nicht fertig… mal abwarten, wie es geworden ist
Bach ist schon über 80 Jahre Tod. Es dürfte von seitens der Urheberrechte durch die GEMA keine Probleme geben. Zudem gibt es Chororganisationen, denen man für kleines Geld beitreten kann, durch die ein Chor, die sonst teure und leidige GEMA- Gebührengeschichte elegant händeln kann.
( Und natürlich muss der Chor und die Chorleitung einverstanden sein. Aber das setze ich mal voraus)
Wir zahlen für die CD sogar an die GEMA. Unser Chorleiter ist sehr professionell. Aber es müssen auch die Interpreten einverstanden sein, d.h. in diesem Fall z.B. auch das Orchester.
Liebe Claudia, habe leider nur noch den Schlussteil eures Karfreitagsgottesdienstes im TV sehen können, ihr habt leider nicht mehr gesungen… Vielleicht finde ich ihn noch in der ARD Mediathek… Ich kann deine Gefühle gut nachvollziehen. H Moll Messe, das steht auch noch auf meiner Liste, wir haben es bisher nur zu Kyrie, Sanctus und Dona nobis geschafft, dann verstarb unser Chorleiter, damals vor 20 Jahren, tragisch. Wir haben dieses Jahr die JohPassion gesungen, da gab es auch Gänsehaut bei Sängern und Zuhörern, so muss das sein. Musik ist für mich religiöse Erfahrung pur, im besten Falle…
Ich wünsche dir schon mal Frohe Ostertage – bin für ein paar Tage weg.
LG Uta
Hallo Uta!
Das mit Eurem Chorleiter tut mir leid, das ist sicher ein Schock gewesen. Die Johannespassion hab ich am Karfreitag auch noch anhören können, bei meinem Schwager. Vor allem der Chor *lasset uns den nicht zerteilen* hat es mir angetan
– die Johannespassion hat wirklich Gänsehautpotenzial.
Als unser vorheriger Kantor in den Ruhestand verabschiedet wurde, predigte der Dekan: “die Sänger und Sängerinnen der Kantorei (…) haben sich das Evangelium direkt selbst ins Herz gesungen.” – noch schöner kann man es fast nicht formulieren.
Für einen Fensehgottesdienst aus Pegnitz gibt es sicher wieder mal eine Gelegenheit, den Fernsehleuten hat unter anderem der schöne Kirchenraum sehr gefallen. Das war alles in allem eine sehr sehr nette Erfahrung – die Fernsehleute waren alle so unkompliziert und ausgesprochen freundlich!
Liebe Grüße!
Claudia
P.S. in der Mediathek wird es wohl nicht zu finden sein, weil es ja eine Live-Sendung war… @_phoeni hatte glaub ich schon geguckt…