Nach Myrtillus kommt jetzt diese Woche die Perlhirse

Schon wieder so ein Gesundheits-Artikel in unserer (kostenlosen, weil der Zeitung beigelegten) Fernseh-Zeitschrift.

Offensichtlich wird die Verbreitung dieses Magazins durch die Anzeigenwerbung finanziert.

Es ist immer das gleiche haarsträubende Muster, in dem die Artikel geschrieben sind:

  • Aufmacher/ Titel: – diesmal: “Perlhirse, das kräftigste Haarwuchsmittel der Welt”.
  • Schlagzeile: “Tests ergaben, dass Perl-Hirse die Haare noch besser als z.B. Süßgras wachsen lässt.” – sehr geschickter Schachzug, hier wird Bezug genommen auf frühere Anzeigenserien, in denen das Süßgras angepriesen wurde.
  • Wissenschaftlicher Bezug: Hier ist es der Lobpreis auf das Süßgras als ultimativem Haarwuchsmittel (diese “Tatsache” wurde übrigens vor allem durch frühere Anzeigenkampagnen zu den Süßgras-Kapseln erzeugt und ist durch die wiederkehrende Präsenz in den Druckerzeugnissen der Yellow Press in den Köpfen der Leser als Fakt verankert).
  • Neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Diesmal ist es Prof. John Clark, Dermatologe von der Uni Los Angeles. “Uni Los Angeles” ist eine stark vereinfachende Bezeichnung. Wer in Google nach dieser Uni sucht, findet entweder die California State University, Los Angeles oder die University of California. Erstere hat keine medizinische Fakultät, wie ein Blick auf die Karte des Campus offenbart. Letztere hat eine Medizinische Fakultät und sogar eine Dermatologische Abteilung. Und hier finden sich auch die Namen der dortigen Ärzte, des Chefarztes und des Oberarztes. Ein Professor John Clark ist nicht darunter. Hach, wer hätte das gedacht?
  • Dann der sachliche Teil zu der Pflanze. Inhaltsstoffe, Herkunft, Name, Familie, Artnamen. Die Perlhirse gibt es tatsächlich. Auch die Angaben zu den Inhaltsstoffen sind sicherlich richtig. Ich denke, durch diese Aufzählung von naturwissenschaftlichen Fakten wird der Eindruck erweckt, es handelt sich hier um reale neue Forschungen. Oder zumindest um hoch wissenschaftliche Informationen. Diese Informationen sind jedoch in jedem Lexikon zu finden.
  • Witzig ist auch der Vergleich der Bilder. Das was in der Fernsehzeitschrift abgebildet ist, sieht aus, wie die Kolbenhirse, die als Wellensittichfutter verkauft wird. Ich weiß nicht, wie die Pflanze auf dem obigen Bild heißt, denn selbst Kolbenhirse sieht nicht so aus. Perlhirse sieht jedenfalls laut Wikipedia SO aus.
  • Jetzt kommt der Hinweis auf die sensationelle neue und “bislang nicht gekannte” (Zitat Ende) Wirksamkeit der Pflanze. Es ist von hormonellem Ungleichgewicht die Rede. Sicherlich eine der Hauptursachen für Haarausfall. Ich bezweifle, dass ausgerechnet Perlhirse dieses Ungleichgewicht im Hormonhaushalt beheben kann.
    • Und zum Schluss der obligatorische “Hinweis für Verbraucher“, dass Perlhirse leider nicht im Bioladen oder Supermarkt erhältlich ist, aber jeder Apotheker gleich mehrere Hersteller von hochwirksamen Perlhirse-Extrakt-Kapseln im Computer finden würde.
      Grmmpf! Das ist der Punkt, an dem mir der Kamm schwillt.

    Ich glaube schon, dass Perlhirse einen hohen Gehalt an Kieselsäure hat und diese sorgt für schönere Nägel, Haut und Haar. Ich glaube auch, dass es sicherlich gesund ist, Hirse oder auch Perlhirse zu essen. Die Nutzpflanze ist sehr robust und trockenheitsbeständig, daher dient sie in Afrika und Asien als ein Hauptnahrungsmittel.
    Meine Folgerung würde diesmal lauten: Um die Inhaltsstoffe der Hirse zu nutzen, wäre es in jedem Fall angebracht, Hirse überhaupt erst einmal als Nahrungsmittel in den Speiseplan aufzunehmen. Hirse gibt es in (fast) jedem Supermarkt. Es gibt auch Hirseflocken, die man ins Müsli mischen kann.

    Hirse, selbst wenn es nicht die Perlhirse ist, hat in jedem Fall tolle Inhaltsstoffe, die unseren Weizenmehl-dominierten Alltag in jedem Fall bereichern würde.

    Was mir besonders sauer aufstößt, ist wie in diesen Anzeigenserien mit den Mitteln der Sprache ein Meinungsbild in der Bevölkerung aufgebaut wird. Ganz gezielt wird hier (meiner Meinung nach) auf den vielleicht nicht so hohen Bildungsstand der Zielgruppe spekuliert, die sich durch eine gewisse Pseudo-Wissenschaftlichkeit schnell beeindrucken lässt. Und in der Folge dann zum Apotheker rennt, weil ja bereits im Artikel diese Handlung vorgeschlagen wird.

    So wird “Selber denken” unnötig und die Kassen der Kapselhersteller klingeln.

    Ich prangere vor allem die Art und Weise an, die den normalen Bürger hinters Licht führen soll.


    5 Kommentare zu „Nach Myrtillus kommt jetzt diese Woche die Perlhirse“

    • Elke Hohls:

      Ein wunderbarer Kommentar! Selten habe ich so genickt beim Lesen! Werbung wirkt, dass ist unbestritten.Aber Artikel wir dieser helfen bei der ERkenntnis, dass nicht alles Gold ist, was glänzt!
      Herzliche Grüße!

    • Gabriele Mieseler:

      Prima Tipp mit den Hirseflocken für`s Müsli! Hätte mich aus haarspalterischer Verzweiflung fast auf einen Kauf eingelassen und bin Gott sei Dank auf Ihre Seite gestoßen. Es lohnt sich also, sich im Netz erst mal kundig zu machen.

    • indivisuell:

      Hallo Frau Mieseler!

      Ich freue mich, dass Sie einen brauchbaren Tipp gefunden haben. Ich beschäftige mich derzeit wegen einer vermuteten Gluten-Unverträglichkeit ebenfalls wieder verstärkt mit alternativen Getreidesorten – und: Im Bioladen gibt es auch Hirse-Pops, die sind noch einen Tick besser als die Flocken :-)

      Liebe Grüße, C. Schramm

    • Dirk Sewohl:

      Interessante Art und Weise, an den Anrtikel ran zu gehen. Was mich mal noch interessieren würde, wären aber mal Leute, die das ganze mal ausprobiert haben und sagen könnten, lasst euer Geld lieber bei euch oder halt das Zeug hält wirklich, was es verspricht!!Also Erfahrungsberichte über die Einahme von Perlhirse wären klasse. Wenn mir da wieter geholfen werden kann, das wäre super!!

      lg dirk

    • Dr. Helmut Thamm:

      Als Chemiker + Pharmakologe fällt mir zu den “chemischen Expertenerklärungen” des erfundenen Prof. John Clark nur ein Wort “Schrottkoffer-verblödung”. Z.B. Kieselsäure: Ich kaufe mir ein hundsordinäres Kieselpräparat für ‘n Appel + und ‘n Ei
      im Supermarkt + mische dieses mit Weizenkleie (auch billig im Supermarkt, z. B. real) von wegen der besseren Aufnahme der Kieselsäure in den Körper (Resorption)über die Transportfunktion der Phytostoffe
      (pflanzliche Nebenstoffe in Naturprodukten). Da kann ich mir soviel Kieselsäure ‘reinklopfen, dass diese Menge über die bewirbene “Perl-Hirse” unbezahlbar wäre.
      Z.B. “…Bio-Stoff Phytin, der im Körper dafür sorgt,
      dass Eisen Zink, Mangan , Kupfer und andere essentielle
      Vitalstoffe (Anm.: Völlig neuer Begriff, der in keinem
      medizin. Lexikon zu finden ist!!!)aufgebrochen und somit verwertbar gemacht werden.”
      Wegen bei mir bestehenden Hb- + Erys-Mangels (“Blutarmut”) muss ich Eisentabletten nehmen. Dazu
      darf ich keine Nahrungsmittel mit Phytin aufnehmen,
      da dieses Phytin Eisen (+ die anderen o. a. Schwermetalle) so fest bindet (Komplexverbindung), dass selbst die Magensalzsäure diese Schwermetallkomplexe nicht mehr knacken (=”aufbrechen”) kann –> sie gehen dem Körper verloren!!!
      Ausserdem, wo liegt denn eigentlich diese sagenhafte
      Insel “Turks & Caicos Islands”? Die haben soviel Dreck am Stecken, dass sie sich nicht aus rechtlichen Gründen trauen, ein EG-Land als Herstellerland zu nennen!
      Könnte noch einen ganzen Ordner zu derartigen “Naturprodukten” mit Kommentaren füllen!
      Lass’ es aber lieber! Wer so auf so eine Schrottkofferwerbung ‘reinfällt (Papier ist bekanntlich geduldig!), ist selbst schuld!

      Nix für ungut + bis die Tage
      Euer Doc Tee

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