Archiv für November 2006

Meine Morgenroutine…

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So schöne Stimmungsbilder sieht nur, wer jeden Tag 15 Minuten spazieren geht. Zu jeder Tageszeit etwas anderes… Entdeckungsreisen lohnen sich!

(Glücklicherweise habe ich zu 98 % meine Kamera bei mir – weitere Bilder hiervon gibt es bei flickr.)

Nach Myrtillus kommt jetzt diese Woche die Perlhirse

Schon wieder so ein Gesundheits-Artikel in unserer (kostenlosen, weil der Zeitung beigelegten) Fernseh-Zeitschrift.

Offensichtlich wird die Verbreitung dieses Magazins durch die Anzeigenwerbung finanziert.

Es ist immer das gleiche haarsträubende Muster, in dem die Artikel geschrieben sind:

  • Aufmacher/ Titel: – diesmal: “Perlhirse, das kräftigste Haarwuchsmittel der Welt”.
  • Schlagzeile: “Tests ergaben, dass Perl-Hirse die Haare noch besser als z.B. Süßgras wachsen lässt.” – sehr geschickter Schachzug, hier wird Bezug genommen auf frühere Anzeigenserien, in denen das Süßgras angepriesen wurde.
  • Wissenschaftlicher Bezug: Hier ist es der Lobpreis auf das Süßgras als ultimativem Haarwuchsmittel (diese “Tatsache” wurde übrigens vor allem durch frühere Anzeigenkampagnen zu den Süßgras-Kapseln erzeugt und ist durch die wiederkehrende Präsenz in den Druckerzeugnissen der Yellow Press in den Köpfen der Leser als Fakt verankert).
  • Neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Diesmal ist es Prof. John Clark, Dermatologe von der Uni Los Angeles. “Uni Los Angeles” ist eine stark vereinfachende Bezeichnung. Wer in Google nach dieser Uni sucht, findet entweder die California State University, Los Angeles oder die University of California. Erstere hat keine medizinische Fakultät, wie ein Blick auf die Karte des Campus offenbart. Letztere hat eine Medizinische Fakultät und sogar eine Dermatologische Abteilung. Und hier finden sich auch die Namen der dortigen Ärzte, des Chefarztes und des Oberarztes. Ein Professor John Clark ist nicht darunter. Hach, wer hätte das gedacht?
  • Dann der sachliche Teil zu der Pflanze. Inhaltsstoffe, Herkunft, Name, Familie, Artnamen. Die Perlhirse gibt es tatsächlich. Auch die Angaben zu den Inhaltsstoffen sind sicherlich richtig. Ich denke, durch diese Aufzählung von naturwissenschaftlichen Fakten wird der Eindruck erweckt, es handelt sich hier um reale neue Forschungen. Oder zumindest um hoch wissenschaftliche Informationen. Diese Informationen sind jedoch in jedem Lexikon zu finden.
  • Witzig ist auch der Vergleich der Bilder. Das was in der Fernsehzeitschrift abgebildet ist, sieht aus, wie die Kolbenhirse, die als Wellensittichfutter verkauft wird. Ich weiß nicht, wie die Pflanze auf dem obigen Bild heißt, denn selbst Kolbenhirse sieht nicht so aus. Perlhirse sieht jedenfalls laut Wikipedia SO aus.
  • Jetzt kommt der Hinweis auf die sensationelle neue und “bislang nicht gekannte” (Zitat Ende) Wirksamkeit der Pflanze. Es ist von hormonellem Ungleichgewicht die Rede. Sicherlich eine der Hauptursachen für Haarausfall. Ich bezweifle, dass ausgerechnet Perlhirse dieses Ungleichgewicht im Hormonhaushalt beheben kann.
    • Und zum Schluss der obligatorische “Hinweis für Verbraucher“, dass Perlhirse leider nicht im Bioladen oder Supermarkt erhältlich ist, aber jeder Apotheker gleich mehrere Hersteller von hochwirksamen Perlhirse-Extrakt-Kapseln im Computer finden würde.
      Grmmpf! Das ist der Punkt, an dem mir der Kamm schwillt.

    Ich glaube schon, dass Perlhirse einen hohen Gehalt an Kieselsäure hat und diese sorgt für schönere Nägel, Haut und Haar. Ich glaube auch, dass es sicherlich gesund ist, Hirse oder auch Perlhirse zu essen. Die Nutzpflanze ist sehr robust und trockenheitsbeständig, daher dient sie in Afrika und Asien als ein Hauptnahrungsmittel.
    Meine Folgerung würde diesmal lauten: Um die Inhaltsstoffe der Hirse zu nutzen, wäre es in jedem Fall angebracht, Hirse überhaupt erst einmal als Nahrungsmittel in den Speiseplan aufzunehmen. Hirse gibt es in (fast) jedem Supermarkt. Es gibt auch Hirseflocken, die man ins Müsli mischen kann.

    Hirse, selbst wenn es nicht die Perlhirse ist, hat in jedem Fall tolle Inhaltsstoffe, die unseren Weizenmehl-dominierten Alltag in jedem Fall bereichern würde.

    Was mir besonders sauer aufstößt, ist wie in diesen Anzeigenserien mit den Mitteln der Sprache ein Meinungsbild in der Bevölkerung aufgebaut wird. Ganz gezielt wird hier (meiner Meinung nach) auf den vielleicht nicht so hohen Bildungsstand der Zielgruppe spekuliert, die sich durch eine gewisse Pseudo-Wissenschaftlichkeit schnell beeindrucken lässt. Und in der Folge dann zum Apotheker rennt, weil ja bereits im Artikel diese Handlung vorgeschlagen wird.

    So wird “Selber denken” unnötig und die Kassen der Kapselhersteller klingeln.

    Ich prangere vor allem die Art und Weise an, die den normalen Bürger hinters Licht führen soll.

    Machen Sie sich bewusst, es heißt “Er-folg” und nicht “Er-kämpf” oder “Er-zwing” oder “Er-renn” und auch nicht “Er-bitte” oder “Er-rede”, nicht einmal “Er-handle”.
    Mit anderen Worten: Um Erfolg zu haben, muss ich nicht kämpfen, nicht bitten, nicht handeln. Allein ein Gedanke hat schon Folgen.

    Kurt Tepperwein

    Also, ob ich wirklich ohne jede Handlung Erfolg haben werde, bezweifle ich. Durch Gedanken allein räumt sich nämlich weder mein Büro auf, noch streicht sich durch alleiniges Denken ein Kellerraum von selbst.

    Unzweifelhaft ist jedoch: Ohne vorherige Gedanken und ohne Planung und ohne Denken werde ich mit Sicherheit eines nicht haben: Erfolg.

    Birkenbihl sagt immer: “Erfolg ist eine Folge” – und das trifft es wohl am besten: Die Folge dessen was ich säe, werde ich ernten. Wenn ich Bohnen säe, werde ich nicht Weizen ernten.
    (Und wenn ich ungeduldig bin, werde ich höchstens feuchte Bohnenkeime ernten :-) )
    Ich muss mir in Gedanken klar werden, was ich denn als Folge haben will, dann kann es auch er-folgen.

    Wenn ich positive Gedanken habe, mir Unmögliches als Machbar vorstellen kann und wenn ich an meinen Träumen festhalte, diese zu Gedanken mache und die Gedanken ins Machbare umsetzt, dann habe ich auf jeden Fall Erfolg.

    Strategien für Tage, an denen die Bäume tief fliegen

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    Heute in aller Frühe kamen die Männer vom Bauamt und haben den Weihnachtsbaum für den Marktplatz aus unserem Garten geholt. Welche Aufregung schon vor der Dämmerung. Nichts war wie sonst. Das Frühstück ist ausgefallen, alles ging drunter und drüber. Die Kinder waren natürlich begeistert, ein riesiger Kran bei uns im Hof.

    Mich hat die ganze Aktion bewogen, mir Gedanken darüber zu machen, welche Notfall-Routinen ich etablieren könnte, damit mich solche “tief fliegenden Bäume” nicht so sehr aus der Fassung bringen.

    Nichts anderes bedeutet ja das Wort “Fassung“: ein Rahmen, der feste Struktur vorgibt und Normalität auch im Außergewöhnlichen bietet.

    Eine Lösung habe ich nicht, aber die neu gewonnene Erkenntnis, wie elementar mir meine Routinen den Alltag erleichtern und dass ich diese nicht leichtfertig über den Haufen werfen sollte.

    Hier gibt es übrigens noch mehr Fotos von unserem tief fliegenden Weihnachtsbaum: Flickr-Foto-Set

    Myrtillus-Beeren und wie wir für dumm verkauft werden

    Ich habe wieder in unserer Fernsehzeitschrift einen Artikel zur Gesundheitspflege gefunden, über dem in kleinen Lettern oben rechts “Anzeige” steht. Aha. Wieder einmal ein pseudowissenschaftlich aufgemachter Medikamentenverkauf. Werbung unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft.

    So arg pseudowissenschaftlich ist der Artikel diesmal übrigens gar nicht. Da war die Story vom Süßgras schon etwas wilder…
    Ich habe mal die Fakten nachrecherchiert, die im Artikel genannt werden.

    • Die berühmte Tufts-Universität gibt es tatsächlich. Sie liegt in Boston.
    • James Johnson ist im dortigen Personalverzeichnis tatsächlich aufgeführt, er ist auch tatsächlich Neurologe. Der Professorentitel wird im Personalverzeichnis nicht erwähnt, nur ein Doktor-Titel. Nehmen wir das mal als künstlerische Freiheit der Werbetexter.
    • Anthocyan ist ein Farbstoff der tatsächlich für das Blau der Heidelbeeren, Brombeeren, Aroniabeeren etc. sorgt. In der Wikipedia gibt es dazu einen exzellenten Artikel. Dieser Artikel nennt sogar die Hauptwirkungsweise des Anthocyan: Einfangen von Freien Radikalen, Sonnenschutz für die Pflanze (auch Auberginen enthalten Anthocyan) – insofern ist das tatsächlich die erwünschte Wirkung von Anthocyan.
      Nur leider – und das steht auch in dem Artikel – ist die Wirkung von isoliertem Anthocyan im menschlichen Körper nicht nachweisbar, weil die Bioverfügbarkeit in vivo (d.h. im lebenden Körper) schlecht ist.
      Sprich, Mensch kann isoliertes Anthocyan gar nicht verwerten.
      Anthocyan ist übrigens auch eine E-Nummer in der Lebensmittelindustrie: E163.
    • Interessant, dass die ursprüngliche Meldung aus den Labors der Tufts-University auch lautet: Anthocyan kann freie Radikale einfangen und den Alterungsprozess aufhalten. Wurde im Tierversuch bewiesen. (Wenn nur alle Tierversuche so harmlos wären, dass Ratten Heidelbeeren fressen müssen) – Die Folgerung lautete jedoch, dass die Phytochemische Forschung nur weiter beweist, wie wichtig es ist, dass die Menschen ihr Obst essen.

    Die Folgerung lautete nicht, dass die Menschen Myrtillus-Kapseln schlucken sollen.

    • Da wären wir noch bei der geheimnisvollen Myrtillus-Beere aus Mexiko, die im Delikatessenladen so horrend teuer ist und die gleich kiloweise verzehrt werden müsse, um eine Effekt zu erzielen…
      Hier sind wir an der Stelle angelangt, an dem der geneigte Leser tatsächlich für dumm verkauft wird:
      Myrtillus ist der wissenschaftliche Artname der eurasischen Heidelbeere oder auch Blaubeere. Diese unterscheidet sich von der amerikanischen Blaubeere dadurch, dass sie durch und durch blau gefärbt ist – sprich einen hohen Anthocyangehalt besitzt.
      Aus der amerikanischen Heidelbeere wurde die Kulturheidelbeere gezüchtet, diese hat helles Fruchtfleisch und nur eine blaue Schale.
      Interessant ist, dass es meines Erachtens keinerlei mexikanische Myrtillus-Beere gibt. Gleicher Schwindel wie beim Süßgras. Nur durch die Verwendung des Artnamens entsteht eben nicht gleich eine neue Wunderpflanze.

    Also, was lernen wir daraus? Die Fakten können schon teilweise stimmen in so einem Artikel. Ich wäre immer vorsichtig, wenn oben drüber “Anzeige” steht, denn dann geht es immer ums Geld.

    Die Reaktion der Wahl wäre: Etwas öfter als üblich unsere wunderbaren europäischen Schwarzbeeren essen. (bitte abkochen, wegen dem Fuchsbandwurm!)

    Guten Appetit!

    Fluch der Mobilität?

    Free Image Hosting at allyoucanupload.comEin weiterer Beitrag, den ich für den Kirchenboten unserer Gemeinde geschrieben habe:

    Frierend steht ein Pendler am Bahnsteigrand und wartet im eisigen Wind auf den Zug, der ihn zur Arbeit bringt. Rund ein Dutzend Menschen steht im Halbdunkel, kaum einer spricht ein Wort. Unerbittlich rücken die Zeiger der Uhr weiter.

    Froh kann man heutzutage sein, wenn man überhaupt Arbeit hat, dennoch sind manchmal große Opfer zu bringen. Immer weitere Strecken muss man zurücklegen, um zur Arbeit zu gelangen. Viel Zeit verschlingt das Pendeln zur Arbeit, jeden Morgen, jeden Abend. Lebenszeit, die man nicht mit der eigenen Familie verbringen kann. Manche Familienväter sind sogar die ganze Woche weg und kehren erst am Freitagabend zu Frau und Kindern zurück.

    Die Industrialisierung hat uns technischen Fortschritt gebracht, zwingt den Arbeiter aber auch, zu seinem Arbeitsort zu fahren. Die Trennung von Wohnen und Arbeit ist endgültig, die erzwungene Mobilität geht als tiefer Riss durch die Familien, verursacht Streß, kostet Zeit und Geld.

    Einsam und anonym sitzt man mit Hunderten von anderen Menschen im Zug, eilt zur Arbeit und fragt sich vielleicht irgendwann, wo genau denn das Leben „auf der Strecke“ geblieben ist.

    So ist der Bahnhof auch ein Symbol für ein Leben „auf Achse“. Mobilität um jeden Preis fordert die Gesellschaft, die Folge ist ein beschleunigtes Leben, ein Leben voller Hetze und dennoch mit vielen endlosen leeren und einsamen Stunden in der anonymen Masse der Berufspendler.

    Ich wünsche Ihnen allen, dass sie trotz aller Zwänge, die der Beruf und die Lebensumstände für Sie bereithalten, dennoch Momente der Ruhe, der Gemeinsamkeit und der Freude finden können. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die verbleibende Zeit mit Ihren Lieben voll auskosten können.

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